Die letzte Laterne von Westfall · KAPITEL 1 VON 2
Das rote Tuch
Tavin Aschenfeld · RP-Fanfiction
Unser Hof lag einen halben Tagesmarsch von der Späherkuppe entfernt. Auf guten Karten war er eingezeichnet. Auf schlechten stand dort ein gelber Fleck. In jenem Jahr hatten die schlechten Karten recht. Der Weizen war verdorrt, der Brunnen schmeckte nach Erde, und meine Schwester zählte jeden Sack Mehl zweimal.
Als der Fremde klopfte, füllte ich gerade die letzte Laterne. Er hatte eine Wunde am Arm und ein rotes Tuch um den Hals. Ich erkannte die Farbe. Meine Schwester erkannte das Blut. Sie trat zur Seite, bevor ich entscheiden konnte, was ich tun wollte.
Er nannte sich Joren. Ob das sein Name war, weiß ich bis heute nicht. Am Küchentisch hielt er den verletzten Arm so still, als könne jede Bewegung eine Erklärung verlangen. Meine Schwester schnitt seinen Ärmel auf. Ich blieb an der Tür stehen.
Draußen wurden Pferde langsamer. Ich kannte die Stimme des Mannes, der nach dem Hof rief: Einer von der Miliz, der im Winter Holz mit uns getauscht hatte. Joren griff nach seinem Tuch. Da sah ich, wie jung er war. Nicht viel älter als mein Bruder, als der fortgegangen war.
Ich stellte die Laterne ins Fenster und ging hinaus. Der Milizionär fragte, ob jemand vorbeigekommen sei. Hinter mir hörte ich meine Schwester Wasser auswringen. „Ja“, sagte ich. „Ein Verletzter. Kommt herein.“ Joren hatte wohl eine Lüge erwartet. Ich hatte nicht genug Kraft für eine.