Das Feuer roch falsch. Lyra kannte den Rauch von Eschenwacht: Erlenholz, Fisch, die Harzschärfe aus dem Gemeinschaftshaus. Das hier klebte süß und fett an ihrer Zunge. Sie zog den nassen Umhang vor den Mund und rannte. Vor zwei Stunden hatte sie sich auf Maerins Eintopf gefreut. Jetzt grub sich der Taschenriemen in ihre Schulter, und sie kam nicht schnell genug über die Kuppe.
Oben blieb sie stehen. Elf Haushalte, drei Räucherhütten, die Pferdeweide. Ihr Blick sprang von einem vertrauten Dach zum nächsten und fand die Lücke. Das Gemeinschaftshaus war eingestürzt. Vor den Flammen ragte der Brunnenarm auf. Das Seil hing still.

Sie hatte den rechten Dolch in der Hand, ehe sie den Wagen bemerkte. Er stand quer vor dem Zugang. Zwei Männer wuchteten eine Kiste auf die Ladefläche; einer hatte einen hellen Streifen am Oberarm. Ein dritter las von einem gefalteten Blatt. Lyra wartete darauf, dass einer zum Brunnen lief. Der Mann mit dem Blatt fuhr mit dem Finger zur nächsten Zeile.
Unter den Sträuchern lief der alte Entwässerungsgraben zur Weide. Lyra ging in die Hocke. Als Jugendliche war sie dort hineingekrochen, um der Rechnung für ein zerbrochenes Fenster zu entkommen. Erde unter den Nägeln, Maerins Stimme über ihr. Verstecken durfte sie sich, hatte Maerin gesagt. Sie sollte nur wissen, wen sie damit suchen ließ. Lyra schob die Zweige auseinander und glitt hinunter. Sie hätte viel darum gegeben, die Stimme jetzt wieder über sich zu hören.
Eine tote Ziege versperrte den Graben. Lyra stieg darüber, den Blick auf den Zaun gerichtet. Unter den Weidenruten hindurch, dann war sie bei den Futtertrögen. Das hintere Tor war aufgebrochen. Zwei Pferde fehlten. Das dritte warf sich gegen seine Anbindung, bis der Strick straff durch die Luft schnitt. Sie kappte ihn und sprang zurück. Die heiße, nasse Flanke streifte ihren Arm, dann war das Pferd durch das Tor.
„Maerin.“ Zu leise. Sie holte Luft, brachte den Namen aber kein zweites Mal heraus.
Am Haus der Färberin hing die Tür schief in den Angeln. Eine Hand lag auf der Schwelle. Die kupfernen Ringe waren noch daran. Lyra starrte auf sie. Dann krümmten sich die Finger. Sie stürzte aus der Deckung und sank neben der Frau auf die Knie.
„Nicht ziehen.“ Die Färberin hustete Blut in ihren Ärmel. „Balken.“
Der Türsturz klemmte ihr linkes Bein ein. Lyra stieß den Dolch zwischen zwei Pflastersteine und griff unter das Holz. Ruß schmierte über ihre Finger. Sie stemmte sich hoch. Der Balken blieb liegen. Noch einmal. Etwas zog scharf in ihrem Rücken; über ihnen knackte es. Die Färberin reckte den Kopf.
„Hebel. Du warst doch immer die Kluge.“
Lyra lachte, ein kurzer, hässlicher Laut. Klug. Natürlich. Neben dem Brunnen lag die abgebrochene Deichsel eines Handwagens. Sie holte sie, schob das Ende unter den Sturz und warf ihr Gewicht auf das andere. Das Holz ächzte. Eine Handbreit. Die Färberin zog ihr Bein heraus und schrie. Lyra drückte den Hebel noch immer hinunter, als die Frau schon frei war.

Sie riss den Dolch aus den Steinen, steckte ihn weg und hievte die Färberin hoch. Die Frau krallte sich in ihren Umhang; bei jedem zweiten Schritt sackten sie ein. Am Zaun saß der Sohn des Korbmachers, eine Brandwunde am Hals, die bloßen Füße im Dreck. Heute Morgen hatte er noch über ihren stumpfen Dolch gelacht. „Hier.“ Lyra schob ihm die Hand der Färberin zu. Er rührte sich nicht.
„Zum Bach. Unter die Erlen.“ Er starrte weiter auf seine Füße. Lyra umfasste sein Gesicht und hob es zu sich. „Hörst du? Wenn jemand ruft, dass ihr stehen bleiben sollt, geht ihr weiter.“ Jetzt sah er sie an. Sie musste sich zwingen, die Hände zu lösen. „Maerin. Hast du sie gesehen?“
Er nickte zum eingestürzten Gemeinschaftshaus. „Sie ist zurück.“
Lyra rannte zum Brunnen.
Ruß lag auf dem Brunnenrand. Lyra stützte sich kurz darauf, suchte den Gang hinter dem Haus und sah das Holzstück neben ihrem Stiefel: zwei Kerben, ein Kupferstift. Eine von Jorens Wagenmarken. Gestern hatte er hier Salz abgeladen. Edda hatte mit ihm über den Preis gestritten, bis Maerin die beiden zum Essen hereingerufen hatte. Lyra steckte die Marke ein. Hinter dem eingestürzten Dach bewegte sich jemand.
Maerin kam aus dem Gang zwischen Vorratskammer und Waschhaus. Der graue Zopf hing halb offen über ihrer Schulter. Sie presste den linken Arm gegen die Rippen; die rechte Hand hielt sie geschlossen. Lyra machte einen Schritt auf sie zu. Maerin blieb stehen und sah sie mit jenem Zorn an, vor dem sie sich früher im Graben noch tiefer geduckt hatte. Da war sie. Sie stand auf ihren eigenen Füßen.
„Du solltest am Nordweg sein.“
„Der Nordweg hat mir nichts zu essen angeboten.“ Lyra fasste sie am unverletzten Ellenbogen. „Wir gehen.“
Ihre Hand wurde nass. Sie zog sie zurück und sah das Blut auf den Fingern. Maerins Ärmel war dunkel, aber unter ihrem Arm ragte ein abgebrochener Pfeilschaft zwischen den Rippen hervor. Lyra griff in die Tasche. Brot, der angebissene Apfel, Seife, Bindfaden. Sie schob alles durcheinander und tastete noch einmal bis in die Ecken, als könne sie beim zweiten Mal etwas anderes finden.
Maerin schob ihre Hand fort. „Nicht hier.“
Schritte am Brunnen. Lyra zog Maerin in den Waschgang und hielt sie an sich, während sie durch einen Bretterspalt hinaussah. Der Mann mit dem Blatt kniete bei der Toten auf der Straße. Jetzt erkannte Lyra den weißen Streifen an seinem Oberarm, den grauen Rand; das Zeichen darauf verschwand wieder im Rauch. Er drehte das Gesicht der Toten ins Licht. Dann setzte er einen Strich auf sein Papier.
„Die Kleine fehlt“, sagte er in der Handelssprache, die Lyra auf Kurierfahrten gelernt hatte. „Lebend. Das war der Auftrag.“
Der zweite Mann sagte etwas über das Ladungsbuch. Mit dem gefalteten Blatt schlug ihm der andere gegen die Brust, kaum kräftiger als jemand, der einen Knecht zur Eile trieb. Lyra sah auf die Hand, die das Papier hielt. Saubere Nägel. Ein heller Siegelring. Die Manschette war verbrannt. Sie sah so genau hin, dass sie die Finger später hätte zeichnen können.

Zwei kalte Finger legten sich auf ihren Mund. Maerin zeigte zum niedrigen Schuppen hinter ihnen. Sein Dach reichte bis an die Hangmauer; dort konnten sie hinüber. Lyra hatte früher Äpfel darunter versteckt und gewusst, welche Bretter knarrten. Sie sah zu Maerin zurück und nickte. Wenn sie Maerin nur bis auf das Dach bekam.
Lyra kletterte zuerst hinauf, kniete am Dachrand und zog Maerin nach. Unter ihrer linken Hand brach eine Schindel. Sie rutschte mit der Handfläche über die scharfe Kante; erst als es über das Handgelenk lief, begriff sie, dass sie blutete. Maerins Mantel hing an einem Nagel fest. Lyra zog den rechten Dolch, säbelte den Stoff durch und musste nachfassen, als ihr der Griff aus den feuchten Fingern glitt. Dann hatte sie Maerin frei und schob sie über die Mauer.
Auf der anderen Seite schlug Maerin auf. Der Fall war kurz, der Laut zu hart. Lyra sprang hinterher, rutschte auf den Knien den Hang hinunter und fing ihren Kopf, ehe er gegen einen Stein stieß. Maerins Mund stand offen. Lyra hielt sie fest und wartete auf den Atem. Unter ihnen führte der schmale Graben zum Bach, von der Straße aus hinter der Böschung verborgen.
„Weiter“, sagte Maerin.
„Nur bis zum Wasser.“ Lyra strich ihr die Haare aus dem Mund. „Dann sehen wir uns das an.“
Sie schob Maerins Arm über ihre Schultern und richtete sich mit ihr auf. Bei jedem Schritt drückte der Pfeilschaft zwischen sie. Der Bach war keine hundert Schritte entfernt. Lyra kannte hier jeden Tritt, trotzdem suchte sie jetzt mit der Stiefelspitze nach festem Boden und brachte Maerin kaum voran. Über ihnen wurden Stimmen laut. Sie gingen in die Knie. Maerin presste die Zähne zusammen; Lyra spürte das Zittern ihres Kiefers an der Schläfe und hielt den eigenen Atem an.
Unter der Erle am Wasser saß die Färberin. Der Sohn des Korbmachers hatte ihr einen Mantel umgelegt. Zwei Nachbarn waren bei ihnen, einer mit blutiger Stirn, die andere mit einem leeren Korb in den Armen. Sie drückte ihn so fest an sich, dass ihre Knöchel hell hervortraten. Lyra wollte Maerin hinüberführen. Noch ehe die anderen aufstehen konnten, stemmte Maerin sich dagegen.
„Nicht alle zusammen. Den alten Fischerpfad. Sag es ihnen.“
Lyra zeigte nach Westen, beschrieb den Knick am Fels und die kleine Senke vor dem Meer. Während sie sprach, stützte sie Maerin gegen den Erlenstamm. Ihre Stimme hielt. Die anderen nickten und begannen, ihre wenigen Sachen zusammenzusuchen. Der junge Mann bot an, Maerin zu tragen. Sie schüttelte den Kopf, griff in Lyras offene Tasche und holte die Seife heraus.
„Für die Wunde am Hals. Sauberes Wasser zuerst.“
Er nahm das Stück in beide Hände und sah es an. Dann half er der Färberin auf. Die vier gingen langsam weiter, die am schwersten Verletzten voraus, damit die anderen bei ihnen blieben. Lyra sah ihnen nach. Maerin stand noch immer neben ihr und wusste noch immer, was zu tun war. Für einen hässlichen Augenblick wollte Lyra sie schütteln. Sie sollte sich endlich hinsetzen. Sie sollte sich helfen lassen.
Lyra ließ sie am Stamm hinunter und riss einen Streifen aus ihrem Unterhemd. Sie drückte den Stoff um den Pfeilschaft, so vorsichtig sie konnte. Maerins kalte Finger schlossen sich um ihr Handgelenk. Zwischen den Erlenblättern trieben Funken heran. Einer sank auf das Wasser und erlosch mit einem kaum hörbaren Zischen. Lyra sah ihm nach, bis Maerins Finger zuckten.
„Du hast mir gesagt, ich soll zählen“, flüsterte sie. „Atme mit. Eins. Zwei.“
Maerin versuchte es. Beim dritten Atemzug ging es nicht weiter. Sie warteten beide auf den vierten.
„In meiner Hand“, sagte Maerin schließlich.
Lyra löste ihr die Faust, Finger für Finger. In der Handfläche lag ein schlichter Ring aus schwarzem Metall. Innen glatt; außen eine winzige Kerbe. Lyra nahm ihn mit Daumen und Zeigefinger der rechten Hand. Er war warm. Nicht von der nahen Glut, dachte sie, ohne zu wissen, weshalb sie sich so sicher war. Aus ihrer linken Hand tropfte Blut auf den nassen Stoff. Sie rückte sie fort, damit nichts in Maerins offene Hand lief.
„Wer will den?“
Maerin sah auf Lyras Kragen. Darunter lag der Holzanhänger, den Lyra getragen hatte, seit sie denken konnte. Sie zog ihn über den Rand der Lederweste: ein flaches Stück dunkles Holz, an einer Seite abgesplittert. Als sie den Ring danebenhielt, passte die winzige Kerbe genau an diese Kante. Ihre Finger wurden still. Sie hatte den Anhänger unzählige Male in der Hand gehabt, beim Warten, beim Einschlafen, und nie etwas darin gesucht.

„Nicht für sie öffnen“, sagte Maerin.
„Was öffnen?“
Maerins Blick glitt an ihr vorbei. Lyra drehte sich um. Bachwasser strömte über die blassen Kiesel; am anderen Ufer bewegten sich die Zweige. Als sie sich wieder zu Maerin beugte, versuchte die ältere Frau zu lächeln. So hatte sie manchmal ausgesehen, wenn sie etwas hatte beichten wollen und Lyra erst einmal die Tür vor ihr zugeschlagen hatte.
„Unter dem, was uns Wasser gab. Ich wollte ...“ Sie schluckte und flüsterte: „Wenn die siebte Krone erwacht, werden die Toten wieder träumen.“ Ihr Griff wurde fester, als wolle sie den Satz zurückholen. „Ich wollte es dir selbst sagen.“
„Dann sag es.“ Lyra beugte sich tiefer. „Du bist doch noch hier.“
Maerin hob die Hand. Auf halbem Weg sank sie wieder. Lyra fing sie auf und legte die rauen Finger an ihre Wange. Am Mittelfinger saß ein kleiner Tintenfleck. Sie strich mit dem Daumen darüber, ohne ihn wegzubekommen. Maerin hatte heute Nachmittag geschrieben. An ihrem Tisch, vielleicht mit dem Ellenbogen neben dem kalten Eintopf, während Lyra am Nordweg im Regen gewartet hatte. Sie hätten noch reden können. Lyra drückte die Finger fester gegen ihre Haut.
„Nicht zurück“, sagte Maerin.
Es war ihr letzter verständlicher Satz. Danach kam nur noch Luft, stockend, mit langen Pausen. Lyra zählte leise weiter, verlor die Zahl und fing von vorn an. Schließlich hörte sie nur noch auf den Bach. Das Wasser ging weiter, ohne je Luft holen zu müssen. Maerins Hand lag schwer an ihrer Wange. Als Lyra sie herunternahm, kam keine Bewegung mehr; sie legte sie auf den grauen Mantel und hielt sie dort noch fest.
Sie wartete noch. Nicht auf ein Wunder, sagte sie sich später. Nur darauf, dass sie sich geirrt hatte.
Im Osten wurde es hell, ehe Lyra aufstand. Die anderen mussten den Fischerpfad inzwischen erreicht haben. Sie sah sich nach etwas um, womit sie graben konnte. Kein Spaten, nur Wurzeln, Steine und nasses Laub. Nicht einmal ein trockener Lappen, um Maerins Gesicht zu bedecken. Lyra fand eine Mulde zwischen zwei Wurzeln und zog sie hinein, Stück für Stück, an den Schultern, dann an den Beinen. Sie deckte sie mit dem Mantel zu und ging Steine holen.
Beim dritten Stein knickte ihr die linke Hand weg. Sie setzte sich neben Maerin ins Laub, biss einen Stoffstreifen auseinander und wickelte ihn um die Handfläche. Zu fest. Die Finger wurden steif, der Puls schlug bis in die Spitzen. Sie lockerte den Verband. Maerin hätte sie längst zurechtgewiesen, hätte ihr das Tuch abgenommen und noch während des Bindens geschimpft. Lyra saß da und wartete beinahe darauf. Dann nahm sie den nächsten Stein mit rechts.
Den schwarzen Ring fädelte sie auf die Schnur des Anhängers. Sie knotete zweimal, zog prüfend daran und schob Ring und Holz unter die Tunika. In der Tasche stieß sie auf die Wagenmarke. Zwei Kerben, ein Kupferstift. Joren war im Dorf gewesen. Viele waren im Dorf gewesen. Lyra rieb mit dem Daumen über das Holz und sah wieder Edda neben den Salzsäcken stehen, Maerin in der Haustür. Sie steckte die Marke zurück.
Oben brach etwas krachend zusammen. Lyra zuckte, ließ den Stein fallen und hob den Arm vor den Kopf. Eine Weile hockte sie so. Das Gemeinschaftshaus hatte schon in ihrer Kindheit bei Wind geknarrt. Sieben undichte Stellen hatte das Dach gehabt; Maerin hatte immer behauptet, die achte bilde Lyra sich nur ein. Lyra hatte bei jedem Regen den achten Eimer geholt und ihn besonders laut hingestellt.
Letzten Herbst hatten sie Tücher unter den Balken aufgespannt. Die Färberin hatte einen Suppentopf unter die größte Lücke geschoben, und Edda hatte darauf bestanden, dass der Topf in eine Küche gehöre, selbst wenn das Dach sich anders entscheide. Lyra wusste noch, wie sie alle dagestanden hatten, zwischen den Eimern, und um diesen Topf stritten. Sie hätte jedes Wort wiederholen können. Was Maerin gestern vor dem Schlafengehen zu ihr gesagt hatte, fiel ihr nicht ein.
Sie versuchte es mit ihrer Stimme. Eine Frage nach dem Wetter? War der Umhang noch immer nicht geflickt? Aber das konnte Maerin an jedem Abend gesagt haben. Lyra ließ den Stein langsam auf den Mantel sinken. Gestern hatte sie vermutlich kaum zugehört. Sie suchte weiter, obwohl die möglichen Sätze längst ineinanderliefen, und wurde wütend auf sich, auf das Dach, auf den Bach, der sie die ganze Zeit beim Suchen störte.
Ein Vogel rief aus den Bäumen. Sie hob den Kopf. Bald würden die Männer ihre Suche vom Dorf weg ausdehnen; sie musste fort. Doch Maerins offener Zopf lag noch im feuchten Laub. Lyra kniete sich ein letztes Mal neben sie und schob ihn unter den Mantel. An der Kante hing ein loser Faden. Sie zupfte ihn ab, wie sie es an Maerins Kleidung immer getan hatte. Erst als er zwischen ihren Fingern lag, hielt sie inne.
Sie wickelte den Faden um einen kleinen Kiesel und legte ihn oben auf die Steine. Der graue Mantel war darunter noch zu sehen. Lyra rückte einen Stein zurecht, nahm die Hand weg und ließ ihn liegen. Dann stand sie auf. Ihre Knie wollten sich erst beim zweiten Versuch ganz strecken.
Sie ging am Bach entlang, bis sie von einer Erhebung aus auf die Straße sehen konnte. Unten wurde der Wagen gewendet. Auf der Ladefläche saßen Menschen, mit Seilen aneinandergebunden. Lyra zählte fünf Köpfe. Ein Gesicht verschwand hinter einer Schulter, graues Haar unter einem dunklen Tuch. Edda? Sie wartete darauf, dass die Frau sich noch einmal drehte, aber der Wagen rückte schon weiter, und das Gesicht blieb verborgen.
Lyra zog den rechten Dolch und setzte einen Fuß hangabwärts. Vier bewaffnete Männer gingen neben dem Wagen, ein Schütze stand am Wegrand. Sie suchte die Lücke zwischen ihnen. Die linke Hand pochte; vorhin hatte sie damit nicht einmal einen Stein halten können. Ein Mann würde sie vielleicht nicht kommen sehen. Der Schütze danach schon. Sie nahm den Fuß zurück und blieb stehen, den Dolch so fest in der Faust, dass der Griff schmerzte.
Der Mann mit dem Blatt faltete sein Papier zusammen. Lyra prägte sich den Wagen ein: die gebrochene Latte hinten links, das geflickte Verdeck, den hellen Radreifen. Die Räder knirschten, als er anfuhr. Sie verfolgte ihn mit den Augen bis zwischen die Bäume und noch länger durch die Lücken dahinter. Erst als nichts mehr zu sehen war, atmete sie aus. Sie hatte sie fahren lassen.
Auf dem Fischerpfad fand sie niemanden. Am vereinbarten Knick lag der leere Korb, sorgfältig auf die Seite gestellt. Daneben wies ein Pfeil aus drei Kieseln nach Westen. Der Sohn des Korbmachers hatte zugehört. Lyra ging in die Hocke und nahm einen der Kiesel mit. Falls er zurückkam, würde er sehen, dass sie hier gewesen war. Sie schloss die Hand darum, ehe sie ihn in die Tasche steckte.
Sie trank aus dem Bach und aß ihr letztes Brot. Das Wasser schmeckte nach Erde; das Brot bekam sie nur in kleinen Bissen hinunter. Beim Kauen begann ihr Kiefer zu zittern. Sie wartete, trank noch einen Schluck und wusch dann das Blut von der Dolchklinge. Zwischen den Wasserflecken lag ihr Gesicht im Metall: Sommersprossen unter Ruß, die Augen weit offen. Sie strich sich über den Mund. Der fremde Zug darin blieb.
Die Vögel riefen wieder, als gehöre der Küstenweg ihnen allein. Lyra hielt sich an die Deckung und sah nach jeder Biegung zurück. Einmal blieb sie lange stehen und lauschte, bis sie ihren eigenen Atem leiser bekam. Bei der dritten Biegung lag ein Farn abgebrochen über dem Pfad, die frische Unterseite nach oben. Bei der vierten sah sie sich vergeblich um. Wer ihn geknickt hatte, war nicht mehr hinter ihr.
Zwischen zwei Kiefern stand ein Mann. Seine Schultern füllten den schmalen Pfad. Dunkles Haar war im Nacken zusammengebunden, unter dem abgenutzten Mantel lag Metall. Das breite Schwert blieb an seinem Platz. Lyra sah zuerst darauf, dann auf die rechte Hand, die still an seiner Seite hing. Sein Gesicht lag unter der Stirn so tief im Schatten, dass sie von den Augen nur Schwarz erkannte.
Sie zog den zweiten Dolch mit links und zwang die Finger um das Heft. Unter dem Verband wurde es warm und nass. Der Mann sah hin. Er blieb, wo er war.

„Lyra Nachtfeder“, sagte er in derselben Handelssprache wie die Männer am Wagen.
Sie hob die Klinge. „Heute schlechter Tag für Bekanntschaften.“
Er blickte zum Rauch hinter den Bäumen. Lyra wartete auf eine Regung in seinem Gesicht, etwas, woran sie ihn festhalten konnte. Als er wieder sie ansah, war sie sich immer noch nicht sicher. Er konnte bedauern, was dort geschehen war. Er konnte auch nur prüfen, wie viel Zeit ihm blieb.
„Du musst mitkommen.“
Unter ihrer Tunika lag der schwarze Ring gegen die Haut. Zum ersten Mal fühlte er sich kalt an.