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Staffel 1 · Episode 2

Der Mann mit den schwarzen Augen

Kael soll Lyra lebend ausliefern. In einem verschlossenen Lagerhaus sucht sie einen Ausweg und prüft, wo sein Gehorsam endet.

15 Min. Lesezeit · 3177 Wörter

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Lyra wich zurück, bis die Kiefernrinde sie zwischen die Schulterblätter stach. Der Mann ließ sie. Im helleren Licht sah sie seine Augen richtig: dunkel unter der schweren Stirn, aber nicht schwarz. Sie ärgerte sich darüber, während sie nach einem Weg an ihm vorbei suchte. Zu dem Rauch hinter ihr hätte etwas Ungeheuerliches gepasst. Dieser Mann hatte einen müden Mund und wartete.

„Name“, sagte sie.

„Kael.“

„Ich meinte deinen.“

Sein Blick ging zur Klinge in ihrer linken Hand. „Schattenklinge. Du kannst den Arm noch senken.“

Zwischen seinen Rüstungsteilen war zu wenig Platz für einen sicheren Wurf. Lyra behielt den rechten Dolch. Sie trat in den feuchten Rand des Pfads, ließ die Schulter zur Seite sinken, als suche sie dort einen Fluchtweg, und stieß nach seiner ungeschützten Hand. Er wich zurück. Ein Schritt von der Kiefer fort; zwischen Stamm und Mantel war Platz. Lyra drehte sich hindurch.

Zwei Schritte. Das Seil spannte sich vor ihren Knöcheln, sie sah es noch und sprang zu spät. Der Aufprall presste ihr die Luft aus der Brust. Die linke Hand knickte unter ihr weg. Weißes Licht, dann Kiefernnadeln dicht vor ihrem Gesicht. Als sie wieder Luft bekam, stand Kaels Stiefel auf ihrem rechten Handgelenk. Sie zog daran. Sein Gewicht folgte, gerade so weit, dass sie stillhielt.

„Die Klinge loslassen.“

Über dem Stiefelschaft war eine Naht mit gelbem Garn geflickt. Lyra starrte darauf. Irgendwer hatte diesen Stiefel in die Hand genommen, nach passendem Faden gesucht, schließlich den gelben genommen. Jetzt drückte er ihren Arm in den Schlamm. Sie öffnete die Finger. Der Dolch fiel zwischen die Nadeln, und Kael hob den Fuß erst weg, als sie die Hand leer zeigte.

Er sammelte beide Dolche ein und trat zurück. Lyra zog den rechten Arm an sich, bewegte die Finger und setzte sich auf. Aus dem linken Verband sickerte Blut. Kael wartete, bis sie das Handgelenk wieder strecken konnte. Dann deutete er den Pfad hinunter. Dort stand ein Maultier. Über zwei gerollten Decken auf seinem Rücken lag ein Mann, der den Kopf nicht hob.

Lyra sitzt erschöpft auf dem nassen Kiefernpfad, ihre linke Hand ist blutig verbunden. Kael steht mit verwahrten Dolchen vor ihr; hinter ihm wartet ein Maultier mit einem verletzten erwachsenen Boten.
Der Fluchtversuch endet auf dem Pfad.

„Wer ist das?“

„Ein Bote.“

„Das sehe ich seinem Hinterkopf nicht an.“

„Er hat mich vor Tagesanbruch gefunden. Dann sind ihm andere gefolgt.“

Jetzt bewegte der Bote den Kopf. Ein Mensch, dünner Bart, fiebrig glänzende Augen. Am Oberschenkel saß ein verrutschter Verband; zwischen den Decken steckte ein lederner Kurierbeutel. Sein Blick blieb an Lyras blutiger Hand hängen und wanderte zu ihren Dolchen an Kaels Gürtel. Als sie ihn ansah, senkte er die Augen. Seine Finger suchten nach dem Riemen des Beutels.

Kael band ihre Handgelenke vor dem Körper zusammen. Lyra hielt ihm die linke Hand so hin, dass der Strick oberhalb der Wunde lag; beim Festziehen zuckte sie trotzdem. Er prüfte den Knoten, ohne sie anzusehen. Sie biss die Antwort hinunter, die ihr auf der Zunge lag. Dann nahm er das Maultier am Zügel und wies sie vor sich auf den Pfad. Bei den ersten Schritten hielt sie die Hände vom Leib weg, damit das blutige Leinen nicht an der Tunika klebte.

Bei der dritten Biegung stand ein gespaltener Fels. Bei der fünften zweigte ein Wildwechsel nach Norden ab. Lyra merkte sich beides. Der Strick ließ ihr Platz zum Gehen, für einen ordentlichen Schlag war er zu kurz. Hinter ihrer rechten Schulter knirschten Kaels Schritte. Um ihn zu erreichen, hätte sie sich über die verletzte Seite drehen müssen. Sie sah nur kurz nach ihm und ging weiter.

Der Bote stöhnte bei jedem Tritt des Maultiers. Kael hielt an, zog den Knoten am Kurierbeutel fester und schob eine Hand unter den verrutschten Verband. Seine rechten Finger schlossen sich einzeln, zu langsam. Er nahm die linke Hand dazu. Lyra sah auf den Verband, dann wieder auf seine Finger. Kael zog die Hand fort.

„Er braucht einen Verband, der sitzt“, sagte sie.

„Ich habe ihn gebunden.“

„Dann braucht er einen anderen.“

Der Bote lachte auf und presste die Lippen zusammen, als der Schmerz kam. Kael holte Wasser und ein Stück sauberen Stoff. Die Schale hielt er mit links bereit; Lyras Fesseln ließ er, wo sie waren. Sie sah vom Wasser in sein Gesicht. Es wäre ein guter Wurf gewesen. Dann flüsterte der Mann auf den Decken einen Namen, wohl den seiner Frau, und streckte ihr die Finger entgegen. Lyra stellte die Schale ab, beugte sich über ihn und fing an, den nassen Knoten zu lösen.

Mit vor dem Körper gebundenen Händen verbessert Lyra Mertens Oberschenkelverband. Der erwachsene Bote liegt auf Decken über einem Maultier; Kael reicht mit der linken Hand eine Wasserschale und hält die rechte an die Brust.
Hilfe trotz der Fesseln.

Merten. So hieß er; zwei Tage war er unterwegs gewesen. Bei jeder weiteren Frage schlossen sich seine Augen. Lyra legte den Druck gleichmäßiger an und schob den frischen Stoff unter die verklebte Kante. Als sie fertig war, trieb Kael sie weiter, hielt aber das Maultier kürzer, damit es langsamer ging. Den gebrauchten Fetzen behielt sie in der rechten Faust. Erst nach einer Weile merkte sie, dass Mertens warmes Blut zwischen ihren Fingern hervordrang.

Das Lagerhaus der Salzstufe lag lang und niedrig über einer kleinen Anlegestelle. An der Hangseite lehnte der Geräteschuppen schief dagegen, als hielten die beiden Gebäude einander aufrecht. Ein Kahn schlug gegen die Pfähle. Dahinter graues Meer, so weit Lyra sah. Die Färberin und die anderen mussten irgendwo an dieser Küste sein. Sie suchte zwischen den Felsen nach Menschen, nach einem Tuch, nach irgendetwas. Vor dem Lager standen nur drei Pferde und ein Wagen mit geschlossenem Kasten.

Lyra und Kael erreichen die Salzstufe: ein langes hölzernes Lagerhaus, ein kleiner Pfahlsteg und ein Kahn am grauen Meer. Ein metallbeschlagener geschlossener Kasten steht auf einem Wagen vor dem Tor; Lyras Arme sind nach vorn geführt.
Ankunft an der Salzstufe.

Aus dem Tor kam ein untersetzter Mann. Die helle Armbinde an seinem Oberarm sah Lyra zuerst. Sie blieb so abrupt stehen, dass der Strick an ihren Handgelenken spannte. Kael sagte leise ihren Namen. Sie hielt den Mann im Blick und hörte, wie das Maultier hinter ihr schnaubte. Wenn Kael ihn warnen wollte, brauchte er nicht ihren Namen dazu.

„Eschenwacht hat gebrannt“, sagte sie.

Der Mann musterte ihren rußigen Umhang. „Hier brennt heute vieles.“

Kael schob sich zwischen sie. „Sie ist unversehrt genug für die Reise. Der Bote ist verletzt. Ich brauche den kleinen Raum und Wasser.“

„Du brauchst die Quittung. Der Rest ist meine Sache.“

Kael wartete. Seine Hand blieb vom Schwert entfernt. Eine Böe zerrte am Ärmel des anderen Mannes, der die Armbinde festhielt, kurz nach hinten sah und schließlich aus dem Weg trat. Lyra atmete aus, ehe sie es verhindern konnte. Sie wäre lieber an beiden vorbeigegangen. Stattdessen musste sie dem Rücken des Mannes folgen, der ihre Dolche trug.

Im Geräteraum roch es nach feuchtem Holz. Unter der Decke ein Fenster, an der Wand zwei Regalbretter und ein Ringbolzen; die Planken am Boden hatten sich hochgewölbt. Kael ging an dem Bolzen vorbei. Er nahm Lyra den Gürtel ab, stellte ihre Tasche auf das obere Brett und tastete die Nähte ihres Umhangs ab. Sie stand steif, die Hände vor sich. Als seine Finger sich der Schnur an ihrem Hals näherten, zog sie den Kopf zurück.

„Das gehört mir.“

Sie hatte den Holzanhänger über den Kragen gezogen. Dahinter blieb der Ring als schmaler schwarzer Rand zu sehen. Kaels Hand hielt inne. Lyra umfasste das Holz fester; er berührte weder den Anhänger noch den Ring und nahm die Finger zurück. „Keine Klinge?“

„Soll ich dir zeigen, wie stumpf Holz sein kann?“

Er sah sie an, lange genug, dass sie das Kinn hob. Dann schnitt er den Strick durch. Lyra schloss die rechte Hand sofort zur Faust; in der linken prickelte das Blut bis in die Fingerspitzen. Kael öffnete die Tür. „Wenn du hier herauskommst, stehen draußen drei Männer, die für einen anderen Ausgang bezahlt werden.“

„Und du für diesen.“

„Ja.“

Er stellte Wasser hin und schloss ab. Lyra stand noch eine Weile mit erhobener Faust vor der Tür. Draußen entfernten sich seine Schritte. Erst als sie nur noch den Kahn gegen die Pfähle schlagen hörte, ließ sie den Arm sinken und zog sich die Anhängerschnur unter den Kragen zurück.


Sie trank zuerst. Dann kniete sie bei der Schale und wusch ihre linke Hand. Langsam, als hätte sie den ganzen Tag dafür. Unter den Nägeln saß noch die Erde von Maerins Steinen. Sie löste den Schmutz um die Wunde; sobald sie die Finger spreizte, klaffte der Schnitt. Sie hatte den grauen Mantel über Maerins Gesicht gezogen; jetzt bog sie jeden ihrer eigenen Finger einzeln und sah nach, ob er gehorchte. Alle bewegten sich. Sie zog den gereinigten Verband wieder zurecht.

Am einfachen Türschloss fand sie ohne Werkzeug keinen Halt. Sie drückte gegen die Dielen, eine nach der anderen; feucht, aber fest. Am Fenster saßen drei Eisenstäbe. Einer gab oben nach, kaum sichtbar. Lyra rückte die Wasserschale in die Ecke, damit sie nachts nicht hineinträte, zog das Regal unter die Öffnung und setzte den Stiefel auf das untere Brett. Das Holz ächzte, hielt aber.

Eine Nagelbreite. Weiter bekam sie den Stab nicht aus seiner Fassung. Sie wickelte den trockenen Verbandrand darum, griff zu und ließ ihr Gewicht nach hinten sinken. Der Schmerz fuhr bis unter den Ellenbogen. Sie schlug mit der Brust gegen das Regal, bekam es mit rechts zu fassen und blieb daran hängen. Die Stirn am Brett, atmen. Als die Übelkeit nachließ, stellte sie den Stiefel wieder sicher auf.

Lyra steht mit einem Stiefel auf einem Regal im kahlen Geräteraum und prüft das hohe Fenster mit drei Eisenstäben. Ihre verbundene linke Hand greift einen Stab, die unverletzte rechte stützt sie an der Wand; ihre Hände sind frei.
Ein loser Stab ist noch kein Ausgang.

Im Gang stritten Männer. Die Fahrt müsse vor der nächsten Flut beginnen, sagte der mit der Armbinde. Der andere fiel ihm ins Wort: Der Kasten komme nicht mehr aufs Wasser. Ausweichplatz im Wald. Lyra ließ den Stab los. Sie wischte die Hand an der Hose ab, stieg herunter und drückte das Ohr gegen die Wand. Ein Name, dachte sie. Sagt doch einen Namen.

„Sieben Striche, fehlender Zacken“, sagte der zweite Mann. „Nicht den Werkzeugkasten. Wenn du den falschen verladen lässt, erklärst du es selbst.“

Die Schritte entfernten sich. Jemand fing an zu hämmern. Lyra kletterte wieder hinauf und schob das Gesicht dicht ans Gitter. Zwischen Dachkante und Pfahlsteg stand noch ein Stück Wagen im Blickfeld. Der Kasten darauf trug Metallbänder und an der Seite sieben grob eingeritzte Striche. Sie verglich ihn mit den Planken der Ladefläche, schätzte Länge und Höhe. Zwei Männer würden ihn tragen können. Allein müsste einer sich sehr plagen. Sie ging die Ecken im Kopf durch, bis sie sie auch mit geschlossenen Augen vor sich hatte.

Am späten Nachmittag kam Suppe. Der Lagerarbeiter, der sie brachte, war alt genug, ihr Vater zu sein. Er setzte die Füße vorsichtig zwischen die krummen Planken. Seine rechte Hand zitterte; Lyra sah, wie er die Schale erst losließ, als sie ganz auf dem Brett stand. Kael wartete in der Tür. Sie nahm den Löffel und hielt ihn einen Moment reglos, bis der Arbeiter zu ihr hinsah.

„Ist das Teil der Reiseverpflegung?“, fragte sie. „Oder die einzige Mahlzeit, bei der man mir eine Hand frei lässt?“

Der Arbeiter sah auf ihre ungebundenen Hände und schwieg. Kael sagte: „Iss.“

Gerste und ein Stück Zwiebel. Sie verbrannte sich die Zunge und aß trotzdem weiter. Als sie den Löffel ablegte, war Kael fort. Der Arbeiter wartete noch auf die Schale. Hinter ihm lag Merten auf einer Bank am Ende des Gangs. Seine Lippen bewegten sich, aber durch die offene Tür kam kein Wort. Lyra schob den Löffel langsam über den leeren Schalenboden.

„Kennst du die Straße nach Eschenwacht?“, fragte sie.

„Ich kenne keine Straßen mehr, die etwas zahlen.“ Der Arbeiter griff nach der Schale. „Seit sechs Wochen Lohn ausständig. Dafür bin ich hier.“

„Nicht für das Feuer?“

Er sah auf, nun geradewegs in ihr Gesicht. Die grauen Augen waren entzündet, unter einem Lid klebte etwas Gelbliches. „Ich weiß nicht, was du verloren hast. Ich habe keine Fackel getragen.“ Dann nahm er die Schale und ging. Lyra hörte den Schlüssel. Ihr war noch eine Antwort eingefallen; sie blieb ihr im Mund, während sie auf die Stelle starrte, an der seine zitternde Hand gelegen hatte.

Sie wollte nur den Rücken an die Tür lehnen. Im Schlaf wurde der Ring zu einem Stück Kohle, das Maerin ihr aus der Hand nehmen wollte und nicht lösen konnte. Lyra erwachte mit einem Ruck. Die Färberin schrie noch immer nach einem Hebel. Sie presste die Hand vor den Mund; ihre Zunge tat vom Beißen weh. Der Ring hing unter der Tunika. Sie lauschte in die Dunkelheit, bis der Schrei aus dem Traum sich verlor und das Rauschen dahinter wieder zum Meer wurde.

Nacht. Im Gang sprach Kael mit Merten. Lyra legte sich auf den Bauch und rückte zur Türfuge. Zwischen Boden und Holz sah sie Stiefel, ein Bankbein, die Ecke des Kurierbeutels. Kael hatte ihn neben sich abgestellt. Der dunkle Fleck darin reichte jetzt bis an die Naht. Lyra schob das Kinn auf die rechte Hand und versuchte, jeden Atemzug draußen von einem Wort zu unterscheiden.

„Wer hat dich geschickt?“, fragte Kael.

„Du kannst lesen.“ Mertens Stimme kratzte. „Ich wusste nicht, dass sie schießen. Ich sollte nur zustellen.“

„Wer hat den zweiten Umschlag geöffnet?“

Merten antwortete nicht. Die Bank scharrte. Lyra zog sich zurück und saß wieder aufrecht, als der Schlüssel sich drehte. Kael brachte eine Decke, frischen Verbandsstoff und ihre Tasche. Sie sah zuerst nach seinem Gürtel. Beide Dolche hingen noch dort.

„Deine Hand.“

Sie hielt sie verborgen. „Dein Auftrag.“

Er legte die Sachen auf den Boden. „Lebend. Das weißt du bereits.“

„Und die Toten in meinem Dorf? Waren die eine eigene Zeile wert?“

Sein Mund wurde schmal. „Das Feuer war nicht mein Auftrag.“

Lyra wartete. Sag, dass du nicht dabei warst. Sag, dass du keinen von ihnen kennst. Er bückte sich nur, um die Decke näher zu ihr zu legen. Sie blieb stehen. Von seinem Mantel tropfte es auf die Planken; die Stille zwischen ihnen wurde bei jedem Tropfen länger.

„Dann sag mir, wer dafür bezahlt hat.“

„Ich habe keinen Beweis für das, was du wissen willst.“

„Du hast einen Namen.“

Er schwieg. Lyra trat gegen die Wasserschale. Sie sprang ans Regal und kippte um. Das Scheppern dauerte kaum einen Atemzug. Lyra stand noch mit vorgestelltem Fuß da und hätte am liebsten noch einmal getreten. Kael ging in die Hocke, richtete die Schale auf und zog einen alten Segelrest über die nassen Dielen. Die linke Hand führte das Tuch. Die rechte hielt er dicht an sich.

Beim Aufstehen rutschte sein rechter Ärmel zurück. Unter der Haut liefen dunkle Linien vom Handgelenk aufwärts, fein verzweigt wie die Adern eines Blattes. Lyra sah hin, bis er den Stoff darüberschob. Dann hob sie den Blick in sein Gesicht. Sie wollte, dass er es wusste.

Im Lampenlicht hält Kael ein Wischtuch in der linken Hand; dunkle verzweigte Linien sind auf seinem rechten Unterarm sichtbar. Die Wasserschale steht wieder aufrecht auf den feuchten Dielen, während Lyra ihn mit Abstand beobachtet.
Der zurückgerutschte Ärmel verrät mehr als Worte.

„Hat jemand dafür auch bezahlt?“

„Ja.“

„Du bist sparsam mit langen Antworten.“

„Du würdest keine mögen.“

„Das entscheidest du offenbar gern für mich.“

Er nahm die leere Schale und ging. An der Schwelle hielt er kurz an, die Hand schon am Türholz. Lyra zog die Decke zu sich, ohne ihm noch ein Wort zu geben. Die Tür schloss sich langsam. Als der Schlüssel sich drehte, wickelte sie sich ein und suchte mit der Ferse nach einer trockenen Stelle auf den Planken.


Am Morgen des zweiten Tages klang das Meer leiser. Der Wind kam jetzt vom Land und strich durch das hohe Fenster über Lyras Haare. Sie teilte den letzten Apfel aus ihrer Tasche in zwei Hälften und schob eine durch die untere Türfuge. „Merten.“ Lange kam nichts. Dann kratzte etwas über die Dielen. Die Hälfte verschwand. Später lag der Stiel draußen im Gang.

Lyra betrachtete ihn eine Weile, zog ihn zu sich und schob ihn wieder hinaus. Gleich darauf kratzte Merten dreimal gegen die Tür. Sie antwortete zweimal und wartete. Kein weiteres Zeichen. Sie saßen also beide noch da. Lyra lehnte die Stirn kurz ans Holz, dann stand sie auf, um es wieder am Fenster zu versuchen.

Sie klemmte zwei kurze Splitter in die obere Fassung des losen Stabs. Der erste zerbrach unter dem Druck. Der zweite hielt, bis sie den Arm heben musste, dann glitt er ihr weg. Sie sah ihm hinterher. Drei Körperlängen tiefer blieb er auf dem schmalen Pfahlsteg liegen. Darunter schimmerte Wasser zwischen den Steinen. Lyra ließ den Stab los und maß den Weg noch einmal mit den Augen. Sie brauchte ein Seil, auch wenn sie das Gitter herausbekam.

Die Decke würde sich in Streifen reißen lassen. Lyra fuhr die Webkante entlang und hielt das Tuch gegen das Licht. Viele kurze Stücke, viele Knoten; das Reißen würde man hören. Sie fasste die Kante mit beiden Händen, ohne daran zu ziehen. Nachts war der Boden kalt gewesen, selbst durch den Stoff. Schließlich faltete sie die Decke zusammen und legte sie beiseite. Erst das Gitter. Sie konnte den Rest noch einmal durchgehen, wenn sie einen Ausgang hatte.

Der Lagerarbeiter brachte frisches Wasser. Keine schweren Schritte hinter ihm, kein Kael an der Tür. Lyra fragte nach den Wagen. Er tat, als hätte er sie nicht gehört. Erst als sie vom Lohn anfing, stellte er den Eimer ab. Der Verwalter sei gestern vor dem Essen fortgeritten, sagte er, und redete sich von dort aus immer tiefer in seinen Ärger. Lyra musste die Hand heben, als draußen Schritte näher kamen. Er schwieg mitten im Satz und nahm den Eimer wieder auf.

Sie hielt ihn noch einen Moment zurück. „Wie heißt du?“

„Pell.“

„Wenn ich hier herauskomme, Pell, suche ich nicht zuerst dich.“

Er sah von der Decke zum verschobenen Regal. „Stell das zurück. Sonst binden sie dich noch an.“ Lyra folgte seinem Blick zum Ringbolzen in der Wand. Als Pell fort war, schob sie das Regal an seinen alten Platz. Es hinterließ zwei helle Schleifspuren auf den Dielen; sie rieb mit dem Stiefel Staub darüber.

Gegen Mittag rollte der Kasten fort. Zwei Männer stritten über die Richtung, dann knarrten die Räder unter dem Gewicht an. Lyra stand am Fenster, bis sie von der Ladefläche nichts mehr sehen konnte. Der Kahn lag noch unter ihr und schlug gegen die Pfähle. Eine Möwe landete auf einem Pfosten und schrie. Lyra sah sie an, dieses dreiste Tier mit seinem offenen Schnabel, und blieb länger dort stehen, als sie vorgehabt hatte.

Merten hatte wieder Fieber. Er rief nicht mehr den Namen seiner Frau, sondern etwas über einen Brunnen. Lyra verstand nur das Ende des Satzes, dann begann er wieder von vorn. Sie rutschte zur Tür und rief nach Wasser für ihn. Die Bank knarrte, sonst kam nichts. Beim zweiten Ruf stampfte jemand heran. Der Schlag des Mannes mit der Armbinde ließ das Holz an ihrem Rücken beben.

„Still. Gleich geht es weiter.“

Sie blieb an der Tür sitzen und schob zwei Finger unter den Kragen. Der Knoten hielt. Dahinter lagen Holz und Ring an ihrer Haut, still und schwer. Sie sah Maerins letzte Handbewegung vor sich: die Finger, die ihre Wange nicht mehr erreicht hatten. Lyra legte die eigene Hand dagegen und schloss die Augen. Maerin hatte sie vom Dorf fortgeschickt. Hier konnte sie nicht bleiben.

Kael kam zurück. Seine Schritte hielten vor der Tür an, dort, wo der Mann mit der Armbinde noch stand. Ein Siegel brach. Papier raschelte, dann wurde es still. Aus Mertens Schale tropfte Wasser auf den Boden. Lyra öffnete die Augen und hörte die einzelnen Tropfen, einen nach dem anderen, bis draußen wieder jemand sprach.

„Der Bote reist nicht“, sagte der andere schließlich. „Zeugen kosten nur. Mach es, bevor wir verladen.“

Lyra stand auf. Sie sah zum Regal, das wieder an der Wand stand, zum losen Stab hoch über ihrem Kopf. Zu weit. Sie hob die linke Hand und versuchte, sie zu schließen. Der Verband spannte. Keine Klinge, nichts in Reichweite, das sie durch die Tür stechen konnte. Sie drehte sich wieder dem Holz zu.

Hinter der Tür sagte Kael: „Nein.“